Zeit schon so weit zurückzuliegen, dass Gerüche und Geräusche aus Griechenland mein Ohr und meine Nase kaum noch erreichen. Mein Gedächtnis kann sie einfach nicht mehr abrufen. Es ist erschreckend, wie schnell man plötzlich wieder in seinem normalen Leben steckt. Unterlagen hier, Verpflichtungen da - es ist, als wäre man nie wirklich weg gewesen. Aber was hatte ich erwartet? Dass ich nach Hause komme und alles sich verändert hat? Nein, das Leben lief weiter - auch ohne mich. Nicht einmal eine Woche lebe ich wieder auf deutschem Boden und mir wird jetzt schon klar, dass ich damit zu kämpfen haben werde, mit meiner Umwelt zurechtzukommen, die sich, ganz im Gegensatz zu mir, kein Stück verändert hat. Wer mich kennt, weiß um meine pessimistische Ader, aber ich bemühe mich, es nicht negativ, sondern als Chance zu sehen. Vielleicht gelingt es mir ja, mein altes Leben über den Haufen zu werfen - die Motivation und das Selbstvertrauen, das ich in Griechenland gesammelt habe, werden mir sicher dabei helfen :-) Ich sehe jetzt schon vieles relaxter als vorher. Modulabschlüsse? Ja, machste halt irgendwann. Unterlagen ins Erasmus-Büro bringen? Sie werden schon nicht sterben, wenn ich mir damit eine Woche Zeit lasse. Siga. Siga. Wir werden sehen, wohin das Leben mich führt.Doch genug der Ausblicke. Schließlich gibt es da noch einen Abend, von dem erzählt werden will. Casino-Night! So wirklich an die Umsetzung unseres Planes hatte niemand geglaubt. Ein Casino hinter der bulgarischen Grenze, kostenloser Shuttle-Bus, Essen und Drinks for free? So etwas konnte es nicht wirklich geben. In Schale geschmissen machten wir uns am Freitagabend gegen halb 9
auf den Weg in die Stadt auf der Suche nach dem Ort, an dem der Bus zum Casino abfahren sollte. Jeder von uns dachte bei sich im Stillen: Wir werden diesen Ort nicht finden und gesetzt den Fall, wir sollten ihn doch finden, wird es keinen kostenlosen Bus nach Bulgarien geben. Denk' besser schon mal an eine Alternative. Mit unseren Outfits wären wir jedenfalls definitiv clubtauglich gewesen...Wir fanden den Ort. Der Bus kam. Und plötzlich standen wir vor einem Casino hinter der bulgarischen Grenze. In Griechenland ist eben alles möglich. Alles.
Es war alles genauso wie wir es gehört hatten. Wir bezahlten weder für den Bus noch für ein Essen im casinoeigenen Restaurant und auch nicht für sämtliche (un)alkoholischen Getränke an der Bar. Casino-Atmosphäre gab's gratis dazu. Nun, einzig unser Outfits waren vielleicht etwas falsch gewählt. Wo wir in Schale geworfene Pokerfaces und Spielerfrauen erwartet hatten, erschienen die Herren und Damen in Freizeitdress. Overdressed³ - doch das machte die ganze Sache natürlich noch um ein Vielfaches interessanter. Drei Schönheiten, die Martini trinkend die Herren der Schöpfung beim Pokerspielen beobachteten - die Männerwelt war kaum zu halten ;-)
Wir hatten drei sehr amüsante Stunden, schnupperten Casinoluft und saßen um drei Uhr in der Nacht im Bus zurück nach Hause - natürlich ebenfalls kostenlos. Um halb sechs in der Früh wartete ich gut gelaunt auf den Stadtbus zurück zum Wohnheim, da drückte mir ein Mädel ihr Busticket in die Hand. Für diese Nacht bezahlte ich insgesamt n
ur unglaubliche 25 Cent - für den Bus vom Wohnheim in die Stadt. So günstig hatte ich in Griechenland noch keine Nacht verbracht ;-)Der nächste Tag weckte uns mit strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel und wir beschlossen das zu tun, was man bei diesem Wetter am besten tun kann: wir fuhren zum Strand und lagen dort den gesamten Nachmittag. Die beste Gelegenheit, mich vom Meer zu verabschieden (zumindest vom Bademeer). Am Abend ging es noch ein letztes Mal in die Taverne. Und plötzlich ging alles ganz schnell. Der nächste, der letzte, Tag war angebrochen und der Koffer stand gepackt im Zimmer. Ein letztes Treffen mit meinen Mädels - erst zum Crêpes-Essen, danach ein letzter Spaziergang an der Promenade mit kurzem Stopp am Weißen Turm und dann ging es auch schon zurück ins Wohnheim - auschecken, Koffer schnappen und an der Bushaltestelle hieß es dann Abschied nehmen... Hätten wir nicht gewusst, dass wir uns schon wenige Monate später alle auf dem Münchner Oktoberfest wiedersehen würden, wäre uns der Abschied wohl noch sehr viel schwerer gefallen. Doch so sehr wir die Zeit auch anhalten wollten - nur wenige Minuten später stand ich dann doch mit Sigrida im vollkommen überfüllten Bus zum Flughafen. Check in, Gepäckkontrolle, eine halbe St
unde des etwas deprimierten und schweigsamen Nebeneinandersitzens in der Wartehalle und schließlich blinkte der grüne Boarding-Schriftzug hinter meinem Flug an der Anzeigetafel auf. Es folgte ein kurzer Abschied, von dem wir uns erhofften, er würde vielleicht weniger schmerzhaft ausfallen, doch ein schmerzloser Abschied von einer Person, mit der man über ein Vierteljahr sein Zimmer geteilt hat, ist glaube ich ein nahezu unmögliches Unterfangen (es sei denn, man mochte seine Zimmergenossin nicht - was bei uns ja nun definitiv nicht der Fall war)...Und schon saß ich im Flieger zurück nach Deutschland. Die Fahrt nach Hause war eigenartig. Ich vermisste die Zypressen, das Meer. Aber zu Hause angekommen war all das für eine Weile vergessen. Das Wiedersehen mit Familie und Freunden (und mit meinem Kater) ließ keinen Platz für Fernweh.
Nach einer halben Woche kann ich sagen, wieder halbwegs zu Hause angekommen zu sein. Noch drei Tage des ruhigen Kleinstadtalltags und danach stürze ich mich wieder voller Motivation in mein Hildesheimer Studentenleben.
I'm back - Let's get the party started! :-)

Liebstes Töchterle!
AntwortenLöschenFast 3 Jahre ist es her, seit Dein - aus meiner Sicht - bisher grösstes Abenteuer zu Ende gegangen ist.
Unzählige Male habe ich seitdem Deine Berichterstattung gelesen und werde dies wohl auch in Zukunft noch unzählige Male tun.
Begeistert von Deinem Stil zu schreiben: so, als hätte man es an Deiner Seite selbst mit erlebt. Einfach fantastisch.
Und: Ein paar Tage durfte ich dies auch tatsächlich miterleben. Und dafür bin ich sehr sehr dankbar.
Ich bin unheimlich stolz auf Dich und auf das, was Du schon alles in deinem noch so jugen Leben erreicht hast.
Ich liebe Dich, MAMA