Freitag, 25. Juni 2010

Die letzten Tage...

...sind angebrochen und halten mich ganz schön auf Trab. Nicht nur, dass man gerne so viel wie möglich von der verbliebenen Zeit mit seinen Freunden verbringen möchte - auch die Uni will jetzt ständig irgendwas von mir. Sei es nun eine Bestätigung, dass ich das Stipendium für den Sprachkurs (der, ich erinnere gerne daran, bereits seit Mitte Februar vorbei ist...) bekommen möchte, ich Unterschriften und Noten von meinen Dozenten einsammeln oder einen Nachweis für meinen Aufenthalt hier besorgen soll (als ob meine Bräune nicht schon Beweis genug wäre... ;-)). Zu wenig zu tun habe ich jedenfalls definitiv nicht.

Was ist passiert in den Wochen, in denen ich nichts habe von mir hören lassen? Ich habe meine Hausarbeit fertig geschrieben - ein Monstrum von über 60 Seiten - und habe mich danach eigenständig in den verdienten Urlaub entlassen. Für ein Wochenende habe ich zusammen mit Eva "unserer" Hauptstadt noch einen Besuch abgestattet und dort Tage erlebt, die ich zu den schönsten meines gesamten Aufenthalts zähle. Das erste Mal in meinem Leben bin ich couchgesurft. Couchsurfing ist ein soziales Netzwerk, in dem Menschen aus aller Herren Länder (Hosts genannt) ihre Couch (alternativ auch ihr Bett oder den Fußboden) für Übernachtungen anbieten. Die Couchsurfer, also in diesem Falle wir, bezahlen dafür nichts und haben gleichzeitig jemanden, der mit ihnen die Zeit verbringt und ihnen die Stadt zeigt. Nette Gespräche und kultureller Austausch sorgen dafür, dass dieses System eine Bereicherung für beide Parteien ist. Und das war sie auch!
Unser Host, Nefeli, hat uns herzlich bei sich zu Hause aufgenommen und wir konnten nur staunen über die riesige Wohnung etwas außerhalb von Athen, die dazu auch noch mit einem Pool dienen konnte (den wir natürlich auch genutzt haben... Wäre ja auch eine Schande gewesen, es nicht zu tun ;-)). In dieser Zeit konnten wir auch Bekanntschaft mit ihrer Schwester Idili und ihren Freunden Stelios und Konstantinos machen. Die ganze Mannschaft hat dafür gesorgt, dass Eva und ich nach zwei Tagen alles andere als glücklich wieder in den Zug zurück nach Thessaloniki gestiegen sind - denn eine Woche mehr hätte sich auf jeden Fall gelohnt. Glücklicherweise blieb uns auf der Rückfahrt erspart, was uns auf der Hinfahrt den letzten Nerv geraubt hatte. Am Anfang fing alles ganz lustig an. Als wir an unserem Waggon ankamen, stellten wir fest, dass wir und vier weitere "Zivilisten" ihn uns mit einer riesigen Horde von griechischen Soldaten teilen mussten. Ich fand das toll, bis sie angefangen haben, die ganze Nacht an unserem Abteil vorbeizustapfen, vor ihrem hochwohlgeborenen Chef salutierten, dabei ihre Hacken aneinander knallen ließen und sich bei jeder Frau, die den Gang entlangschritt, den Hals ausrenkten. Primitiveres habe ich in meinem Leben selten gesehen.

Was ich bei meinem ersten Athenbesuch im Februar verpasst habe, holte ich an diesem Wochenende wieder nach. Die zwei Tage wurden fast vollständig damit verbracht, die archäologischen Stätten aus der Antike abzuklappern. Natürlich durfte die Akropolis nicht fehlen, auch beim zweiten Mal noch eines der imposantsten Dinge, die ich je gesehen habe, doch auch der Turm der Winde, die Hadrian Bibliothek, die römische Agora, der Zeus-Tempel und vieles mehr stand auf unserem Plan und so hatte ich genug Zeit dafür das zu tun, was ich in diesen Fällen am besten kann: staunen!
Doch natürlich gab es auch noch andere Dinge in unserem Leben als Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Zum Beispiel im Nationalgarten, der im Februar leider geschlossen war, spazieren zu gehen, die Fussballspiele Griechenland:Südkorea und Deutschland:Australien in einem Café mitzuverfolgen, im Pool schwimmen zu gehen oder uns von Stelios das Schwulen-Bar-Viertel der Stadt zeigen zu lassen. Die Zeit war knapp bemessen, aber wir können wirklich behaupten, das Beste daraus gemacht zu haben :-)

Kaum war ich wieder zu Hause, als auch schon das nächste Ereignis vor der Tür stand: mein dritter und letzter Besuch aus Deutschland. Helena und Tona, die sich schon von ihrem Erasmus-Semester von vor zwei Jahren kannten, feierten in Thessaloniki ein kleinen Revival und ich freute mich nicht nur über die Rittersport-Schokolade, die Helena mir mitgebracht hatte ;-) Höhepunkt war natürlich, da waren wir uns wohl alle einig, der Ausflug nach Chalkidiki an den Traumstrand Armenistis, an dem wir drei Tage lang zelten waren. Drei Tage nichts anderes tun, als in der Sonne im Sand zu liegen und jede Stunde mindestens zweimal ins Mittelmeer zu hüpfen - das war das wahre Leben nach fünf Monaten harter Ackerei (haha ;-)). Madame, die stolz genug darauf war, sich überhaupt mal mit Sonnenmilch eingecremt zu haben, vergaß am zweiten Tag ihren Rücken und holte sich einen der schmerzhaftesten Sonnenbrände ihres Lebens. Das Schlafen auf der Wolldecke, das sich ohnehin schon schwierig gestaltete, weil der Boden so hart war, dass ich nicht auf der Seite schlafen konnte, war eine einzige Qual, ganz abgesehen vom Anziehen der Klamotten am nächsten Morgen und dem Sitzen im Bus am letzten Tag. Doch all dem setzte unsere Shoppingtour am Samstag die Krone auf. Diese musste ich irgendwann abbrechen, weil das ständige An- und Ausziehen mich einfach nur noch umgebracht hat (ich würde jetzt gerne schreiben "und zwar im wörtlichen Sinne", aber gut, so schlimm war es dann offensichtlich doch nicht). Inzwischen ist alles wieder fein, abgesehen von der Tatsache, dass ich mich nun zur Gattung der Reptilien zähle. Aber wenigstens blieb die Bräune, auch wenn die Haut ging. Wie sagt Eva doch immer so schön? Brown or down! Naja, at least unentschieden :-)

Und plötzlich war schon wieder eine Woche um. Man vergisst die Zeit eben sehr schnell, wenn man in Griechenland lebt. Aber wen wundert es auch? Eine Woche voller Strand, Tavernenessen, einem gemütlichen Abend auf dem Castle und jeder Menge Fußmärsche - so etwas musste schnell vorbeigehen. Ich danke meinem Besuch jedenfalls nochmal sehr herzlich, dass er da war (und ich hoffe sehr auf ein Wiedersehen in Bremen und Berlin - nicht nur wegen meiner Unisachen... ;-))

Jetzt sitze ich, zwei Tage vor meiner Abreise, um 9 Uhr morgens im Internetraum, keine Menschenseele ist hier. Schaue aus dem Fenster, sehe das Meer, denke an meinen halbgepackten Koffer vier Stockwerke über mir und an Sigrida, die noch tief und fest schläft. Seit mir die Abreise im Nacken sitzt, schlafe ich nicht mehr viel. Meine Gedanken kreisen um das, was ich hier zurücklassen werde und das, was ich Sonntagabend wiedersehen werde. Und egal, wie viele Erasmus-Studenten mir das bereits erzählt haben - geglaubt habe ich nie, dass man so zerrissen sein kann.
Nie hätte ich nach all dem Stress und den Organisationsproblemen gedacht, dass ein fremdes Land, in dem Chaos und Streiks auf der Tagesordnung stehen, einmal ein zu Hause für mich sein könnte. Aber irgendwie ist es so und auch, wenn ich mich sehr auf meine Rückkehr in die Heimat freue, etwas von mir wird zurückbleiben. Irgendwie. In zwei Tagen.

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