Dienstag, 9. März 2010

Im Wechselbad der Gefühle

Laptoplos und dennoch ein Blogeintrag? Ja, das geht, aber nur, wenn man so eine nette Zimmergenossin hat wie ich! Sigrida aus Litauen teilt nun seit einer Woche das Zimmer mit mir und stellt mir ihren Laptop zur Verfügung, wenn sie ihn gerade nicht benutzt. Zugegeben, das ist nicht oft, denn sie skypt fast ununterbrochen abwechselnd mit ihrem Freund und ihrer Mutter – aber besser als nichts, oder? Ein kleiner Lichtblick nach einem vollkommen verkorksten Wochenende.


Eigentlich war alles geplant – von Freitag bis Sonntag sollte es in Bulgariens Hauptstadt Sofia gehen. Die Zugfahrt von sechs Stunden war für morgens 6:30 Uhr angesetzt und die Tickets (lächerliche 18 € für Hin- und Rückfahrt zusammen – nur mal zum Vergleich: dafür kommt man in Deutschland nicht einmal von Vienenburg nach Hannover) wollten wir morgens am Schalter kaufen. Ich quälte mich also morgens um vier aus dem Bett, fuhr schlaftrunken mit dem Bus zur Kamara, traf dort Eva und Nicolle und wir fuhren gemeinsam zum Bahnhof. Die Nachri
cht, die wir dort erhielten, hätte uns eigentlich (wir befinden uns schließlich in Griechenland) nicht überraschen dürfen, tat es aber natürlich doch und ärgerte uns um ein Vielfaches mehr, da es so früh war: Streik. Vollkommen gefrustet beschlossen wir, unseren Trip um einen Tag zu verkürzen und am Folgetag zu fahren und machten uns wieder auf den Weg nach Hause.

Es dämmerte gerade und der Bus fuhr auf der Straße parallel zur Promenade, da konnte ich nicht anders. Ich stieg aus und lief die Strecke zurück zum Wohnheim zu Fuß am Meer entlang. Der Hafen war beleuchtet, ebenso wie S
chiffe, die auf dem Wasser lagen, dessen Oberfläche beinahe spiegelglatt war. Und es war so wunderbar still... Keine Spur von dem Verkehrslärm, der schon eine halbe Stunde später wieder die Geräuschkulisse dominieren sollte. Nur ein paar Möven, die zankend hintereinander her schossen, störten die Stille. Wobei... eigentlich machten erst sie dieses Bild perfekt. Für einen kurzen Moment war ich dankbar, dass uns der Streik einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, denn andernfalls hätte ich dieses schöne Thessaloniki um 6 Uhr morgens wohl nie wahrgenommen. Oder sagen wir bewusst wahrgenommen, denn wahrgenommen habe ich sie sicher schon öfter, nur eben nicht bewusst – ich war betrunken... ;-)

Aber wie bereits angedeutet – dieser Moment der Dankbarkeit war zeitlich begrenzt und verpuffte regelrecht, als das passierte, was auf meiner „Kat(h)astrophen-Highscore“-Liste die Höchstpunktzahl abstaubte. Mein Laptop hat nach gerade einmal knapp über zwei Jahren seinen Geist aufgegeben und riss tausende Fotos, Lieder und wichtige (Uni-)Dokumente mit in den Tod... Hört sich lustiger an als es ist und kommt fröhlicher rüber als ich bin. Und ganz im Ernst: wenn sich in Deutschland niemand findet, der mir ausnahmslos alle meine Dateien wiederherstellt, werde ich mir das höch
ste Gebäude in ganz Vienenburg suchen und mal schauen, was passiert, wenn man diesen Laptop dort runterwirft. Nachgiebiger Untergrund ist natürlich ein Ausschlusskriterium... Und ich meine das wirklich ernst. (Diesen Hang zu emotionalen Explosionen habe ich übrigens von meinem Papa. Danke dafür :-) Und ich meine das absolut nicht ironisch. Denn für den Fall, dass meine Daten alle weg sind, habe ich etwas, dem ich mit grimmiger Vorfreude entgegenfiebern kann.)
Nachdem ich diesen ersten Schock ansatzweise überwunden hatte, stellte sich ganz langsam ein zweiter ein, schleichend über das ganze Wochenende. Feststellung (nicht, dass es mir
nicht innerlich schon lange bewusst gewesen wäre...): Ich bin (unterhaltungs-)medienverseucht und internetsüchtig. Im Folgenden ein kleiner Auszug aus einem meiner vielzähligen, inneren Monologen der letzten zwei Tage.

Kalter Entzug. Oder: Der verzweifelte Versuch nach der Beschäftigung mit sich selber.
„Kein Internet. Was machst du denn jetzt? Rausgehen. Es regnet. Und du bist krank*. Du könntest einen Film gucken. Oh, richtig, kein Laptop. Du könntest Musik hören. Ja, genau, Musik von einer Playlist, die schon seit über zwei Monaten auf deinem mp3-Player drauf ist und die du eigentlich ‚bei Gelegenheit‘ (haha!) aktualisieren wolltest. Onlinegames fallen weg. Da fällt mir auf... alle anderen Games auch. / Was passiert eigentlich gerade in der Welt? Gab es nun einen Tsunami oder nicht? Karikieren sich Deutschland und Griechenland immer noch gegenseitig in den Medien? Kein Internet. Dann kauf‘ dir ‘ne Tageszeitung. Ich verstehe die Sprache nicht. Dann schlag‘ die Vokabeln nach. Ich habe kein Wörterbuch. Dann schau' online im... okay, vergiss‘ es. / wenn alle Stricke rei
ßen... dann tust du halt was für die Uni und schreibst endlich diesen Essay. Ohja, richtig, bleibt mir ja nur die handschriftliche Abfassung. Diaspora. Indigenisierung. Prosperität. Kin-Länder. Resurgenz – was zum Teufel heißt das alles? Kein Fremdwörterlexikon zur Hand, also ab zu Wikip... Ach ja, ich vergaß. / Sigrida könnte mal wieder auf‘s Klo gehen. Oder besser: duschen – dauert länger. Oder... hat sie heute Abend nicht noch ‘nen Kurs? Und... sie hat doch Freunde. Wir... sie... könnte ja mal mit ihnen was trinken gehen... Okay, hör' mal zu, du internetabhängiges Etwas. Das ist ihr Laptop. / Guck‘ mal, auf dem Nachttisch liegen noch ein paar Bücher. Samuel P. Huntington – „Kampf der Kulturen“. Kwame Athony Appiah – „Der Kosmopolit. Philosophie eines Weltbürgertums“. José F.A. Oliver – Gedichte. Kommt nicht in Frage. Es ist Wochenende. Das fass‘ ich frühstens Montag wieder an. Leichte Lektüre? Hab‘ ich zu Hause vergessen...[...]“
* Ohne Flachs - bin ich wirklich...

Und so stürzte ich mich schließlich nach einem Kampf mit mir selber dann doch in den "Kampf der Kulturen", was mir bis auf die Grundlage und eine Struktur für meinen Essay und ein paar bewundernde Blicke seitens meiner Mitbewohnerin leider so rein gar nichts brachte... ("Oh, I can't believe it, your're always working so hard for university. It makes me feeling really bad, because i'm so lazy..." - Meine Liebe... warte mal die Zeit ab, in der du nichts anderes tun kannst, als Unibücher zu lesen. Es macht aus dir einen Vorzeigestudenten...)
Doch so schrecklich mein Wochenende auch war (zumindest gelang es mir, eine erneute "Ich will hier nicht mehr sein"-Phase tapfer niederzukämpfen...), umso schöner waren meine ersten Unitage, denn sie haben meine Erwartungen weit übertroffen!

Das Fazit, das ich aus meiner ersten Uniwoche schließen kann: Ich habe den tol
lsten, knuddeligsten und freundlichsten Mentor und das genialste Seminar der Welt :-)
Der Name meines Mentors ist Theodoros Penolidis, er ist Philosophie-Professor an meiner Uni und ein Verehrer der Philosophen des deutschen Idealismus. Außerdem ist er mit dem Kopf unseres Philosophie-Instituts in Hildesheim befreundet, wurde in Deutschland geboren und hat auch dort studiert, was die Kommunikation für uns natürlich sehr einfach macht ;-) Ich belege bei ihm ein Seminar über Fichte. Es wird zwar auf Griechisch gehalten, aber er hat mir die deutsche Originalschrift zugeschickt, sodass ich mir den Stoff selbst erarbeiten kann. Ein griechisches Philosophie-Seminar in einem griechischen Hörsaal, und sei's auch über einen deutschen Philosophen - muss man als Student der Philosophie erlebt haben ;-)
Nach dem Seminar haben wir noch lange in seinem Büro geredet und er hat sich wirklich rührend um mich gekümmert ("Und das Wohnheim ist okay? Nicht zu laut? Kannst du schlafen? Hast du einen Supermarkt in der Nähe? Das Wetter wird bald besser, ich versprech's, dann kannst du nach Chalkidiki zum Schwimmen fahren."). Und das alles mit diesem süßen Akzent, mit dem Griechen immer deutsch zu sprechen pflegen. Ich liebe es :-) Und dann lud er mich auf einen Wanderausflug zum Olymp zusammen mit einigen seiner special students ein (vielleicht erinnert sich noch der ein oder andere von euch daran, was ich über griechische Höflichkeit und In-Groups gesagt habe?). Ich konnte gar nicht mehr Glück haben. Ich mag ihn unwahrscheinlich gerne. ("Ach, und was die Abschlussleistung angeht... Klausur, Hausarbeit, Essay, auf deutsch, griechisch, englisch - wie es dir am liebsten ist. Sekundärliteratur kriegst du auch von mir!") Nothing else to say... :-)
In sein Seminar werde ich natürlich trotzdem gehen, auch wenn ich nichts verstehe, allein, um meinem Mentor eine Freude zu machen und um meine Bekanntschaft mit den beiden netten Griechen auszubauen, die ich dort gestern kennengelernt habe.

Aber noch viel mehr als auf Montag 16 - 19 Uhr - die Seminare sind hier alle dreistündig, also doppelt so lang wie in Deutschland - freue ich mich auf Donnerstag 14 - 17 Uhr. In der Zeit, liebe Leute, habe ich ein Seminar, das wie gemacht für mich ist und das höchstens noch von Seminaren mit Titeln wie etwa "Skandinavische Rennfahrer des 20. und 21. Jahrhunderts" oder "Der kühle Zähmer der Sterns - Die Karriere des Mika Häkkinen" (welche natürlich vollkommen utopisch sind) überboten werden könnte. Der Titel dieses Seminares jedenfalls lautet Thomas Mann im Kino. Jeder, der mich kennt, weiß um meine fast krankhaft-exzessive Verehrung Thomas Manns und so musste ich dieses Seminar einfach anwählen.
Und ich hatte mir nicht zu viel versprochen. Meine Partizipation an diesem Seminar wird mit 7 ECTS-Punkten belohnt. Doch bevor meine werten Studienkollegen aus Hildesheim und Umgebung nun alle aufschreien (in Deutschland sind 3 ECTS-Punkte pro Seminar die Regel), hier ein kurzer Überblick über das, was in den nächsten vier Monaten auf mich zukommt:
- Eine Einführung in das Filmvokabular, das Erstellen von Einstellungsprotokollen und in die Filmanalyse
- Das Lesen aller folgend genannter Bücher Manns: Der Tod in Venedig, Doktor Faustus, Der Zauberberg, Die Buddenbrooks, Königliche Hoheit, Felix Krull, Die Betrogene, Lotte in Weimar und Mario und der Zauberer
- Analyse aller Verfilmungen oben genannter Werke
- Zwei Sondersitzungen, weil wir in der Regelzeit nicht alles schaffen werden (ach, echt? Das wundert mich jetzt aber...nicht.)
- Eine Präsentation
- Eine Hausarbeit
Und weil ich auch noch ein unverschämtes Glück habe, darf ich in zwei Wochen die Novelle Der Tod in Venedig in einem Referat vorstellen und eine Hausarbeit über die gleiche Thematik, die ich mir auch noch bequem in Deutschland als Modulabschluss anrechnen lassen kann, ist auch schon abgesegnet.
Ein drittes Seminar, das ich in den nächsten vier Monaten belegen werde, ist ein Lyrikseminar über den deutsch-spanischen Dichter José Oliver, der uns auch im Mai besuchen kommen, eine Lesung halten und mit uns diskutieren wird. Ich freue mich da schon sehr drauf. Und die Dozentin ist auch wahnsinnig nett ("Wenn ich dir bei irgendwas helfen kann oder du Probleme hast - hier ist meine private Telefonnummer. Ruf' mich an, wann immer du willst.")

Ihr merkt, wenn auch bei Weitem nicht alles so läuft wie ich es mir wünschen würde - es wird ja doch irgendwie immer alles wieder gut. Ich halte also die Ohren steif, lasse mich (hoffentlich) nicht unterkriegen und bemühe mich, so schnell wie möglich wieder etwas von mir hören zu lassen :-)

5 Kommentare:

  1. hallöle. :)ich erkenne irgendeine strategie der laptopbauer. die dinger gehen scheinbar ausnahmslos im auslandssemester kaputt. bei allen! da steckt doch system hinter. :)
    huntingtons "clash of civiliasation" ist sehr interessant. da solltest du aber freude dran haben: :)
    und eine kleine interkulturelle anekdote meinerseits: ein seminar über deutsche geschichte, bei einem italiener, auf englisch, in finnland. :) verrückte welt. :D

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  2. alena hat irgendwie 1000euro (? jedenfalls eine UNGLAUBLICHE summe) dafuer gezahlt die daten vn ihrer runtergeworfenen festplatte wieder zu bekommen, weil man dafuer ne bestimmte technik braucht, dies irgendwie in deutschland nur zweimal gibt. kannst sie ja mal fragen. ;) ansonsten assistiere ich dir gern beim laptop-mord, man sollte ein exempel statuieren.
    und warum findest du mika-seminare utopisch?? ;)
    - matthea

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  3. Achja... Erinnerungen, immer wieder, wenn ich hier lese. Auch dieses Hin und Her der Gefühle. Man hatte Phasen zum Streichen und Wegwerfen. Und dann... wie du auch schon sagst: Es wird ja doch irgendwie immer alles gut. Ich beneide dich, um deine Erfahrungen, die du jetzt machst, weil meine(auch die dümmsten und schrecklichsten)schöne Vergangenheit sind und letztendlich mich ein Stück weit "mitgemacht" haben ;)


    Ich freu mich auf den Juni! :)

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  4. http://www.frankn.com/Forum/festplatten/3834-festplatte-defekt-kann-man-noch-daten-retten/

    ...

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  5. http://www.frankn.com/Forum/festplatten/3834-festplatte-defekt-kann-man-noch-daten-retten/

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