Montag, 1. März 2010

Abschied³

Da war er also schon, unser letzter Tag in Athen. Nachdem wir aufgestanden waren, gefrühstückt und unsere Sachen gepackt hatten, verließen wir das Hostel nicht ohne das Versprechen, diesen netten Ort weiterzuempfehlen – und das war alles andere als ein leeres Versprechen, denn noch am gleichen Tag übernahmen zwei deutsche Mädels aus unserem Sprachkurs und deren Besuch aus Deutschland unser Zimmer, da sie sich spontan dazu entschlossen hatten, auch nach Athen zu fahren (nachdem der Rückflug des Besuchs aufgrund des Fluglotsenstreiks in Griechenland gecancelt wurde…).

Das erste Ziel an diesem Tag sollte der Nationalgarten sein. Leider holte uns auf den letzten Metern doch noch das Pech ein, denn der Garten hatte genau an diesem Tag außerplanmäßig geschlossen. Aber gut, davon ließen wir uns natürlich nicht die Laune verderben, zumal das wundervolle Wetter uns einen Stimmungsabfall gar nicht erst erlaubte. Nachdem wir am griechischen Parlamentsgebäude gerade pünktlich zur Wachablösung angekommen waren und uns die, tut mir leid, ich muss es sagen, ein wenig lächerlich anmutende Zeremonie angeschaut hatten, setzten wir uns in einen an den Nationalgarten grenzenden kleinen Park auf eine Bank, genossen die Sonne und ließen uns noch mal eine hier bisher nicht erwähnte Feststellung bestätigen.

Feststellung Nr. 6:
In Athen wimmelt es von (überwiegend jungen) Soldaten und Polizisten. Ob zu Fuß, im Auto, auf dem Motorrad oder gleich busweise und in voller Montur - es waren viele. Ein Zeichen von Sicherheit oder Unsicherheit? Wir wussten nicht so recht, ob uns diese Tatsache beruhigen oder eher beunruhigen sollte. However, ich war sicher die letzte, die sich darüber beschwert hätte ;-)
Dann wurde es Zeit für einen ersten Abschied. Unsereins muss ja praktisch denken und deshalb musste ich leider einsehen, dass es dumm gewesen wäre, komplett zerstörte, ergo vom bereits einsetzenden Verwesungsprozess befallene, fünf Jahre alte Chucks, die mir die gesamte Zeit über ein treuer Begleiter gewesen waren, wieder mit nach Thessaloniki zurück zu nehmen.
"Mensch Mädel, so schlimm kann das doch nicht sein, es sind doch nur Schuhe!" - Nein, es sind natürlich nicht "nur" Schuhe und deswegen fiel der Abschied auch nicht ganz leicht. Aber mit einer netten Botschaft versehen und liebe- und kunstvoll über einen Ast geworfen, an dem sie hoffentlich noch einige Tage hängen würden, konnte ich die Trennung relativ gut verschmerzen. Und, wie sagt man doch so schön? Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben... Meine neuen Chucks fühlen sich jedenfalls schon sehr wohl mit mir ;-)
Nach ein paar letzten, äußerst melancholischen Abschiedsfotos (oben links zu bewundern) machten wir uns auf die Suche nach einem Taxi, das uns zur Busstationen bringen sollte, da von dort aus um 15 Uhr unser Bus zurück gen Thessaloniki fahren sollte. Das erwies sich als gar nicht so einfach, denn als wir zurück an eine der Hauptstraßen kamen, mussten wir feststellen, dass die Polizei die Straße großflächig abgesperrt hatte. Streik. Mal wieder.

Feststellung Nr. 7: Streiken gehört zu den Dingen, die Griechen ganz besonders gut und ausdauernd können. Linda erwischte eine zwar nicht ganz repräsentative, aber doch sehr aufregende Woche, denn sie wurde Zeuge ganzer fünf(!) Streiks: der Streik der Taxis am Donnerstag in Thessaloniki; die Metro und Busse am Mittwoch in Athen, Fluglotsen in ganz Griechenland - ebenfalls am Mittwoch. Aber das, was wir am Mittwoch gegen 13 Uhr erlebten, übertraf alles, was ich bisher in Griechenland streiktechnisch erlebt habe. Zehntausende Athener bewegten sich wie eine zähflüssige Masse durch die Straßen, tausende Flaggen und Banner machten auf das aufmerksam, was eigentlich die gesamte Bevölkerung beklagte. Da mein Griechisch leider nicht das Streikvokabular enthielt (ich denke, es wäre eine sinnvolle Investition, das nachzuholen), musste leider wieder ein unschuldiger Passant dafür herhalten, uns zu erklären, was so viele Menschen auf die Straßen trieb. Und ja, wer hätte das gedacht? Es ging ihnen um "die generelle finanzielle Situation des Landes".
Nachdem die Alarmglocken ja nun immer lauter schrillen, was die Verletzung des EU-Stabilitätspaktes angeht und sich Frau Merkel vor einigen Tagen sehr kritisch dazu geäußert hat (wenn ich bei dieser Gelegenheit vielleicht anmerken dürfte, dass Deutschland sich in der Hinsicht auch nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert...), interpretierten die Griechen das sofort als "Merkel hat gesagt, wir liegen der EU zu sehr auf der Tasche und es wäre besser, wenn wir gingen". Jaja, überhitzte Gemüter. Nachdem wir erfuhren, dass das griechische Fernsehen an diesem Tag Sequenzen ihrer Äußerungen und Hetzreden von Hitler aus den 30er oder 40er-Jahren zusammengeschnitten und das Ganze dann in einem 5-Minuten-Hass-Spot ausgestrahlt hatte, beschlossen wir, vielleicht für den Rest unseres Aufenthaltes nicht unbedingt zu erwähnen, woher wir kommen ;-)

Nachdem wir dann endlich ein Taxi gefunden hatten, das uns durch halb Athen zur Busstation gefahren hatte, hieß es dann leider auch schon Abschied die Zweite. Und es folgt eine letzte Feststellung, die gleichzeitig auch das Fazit dieses ersten größeren Ausfluges während meiner Zeit in diesem so anderen, aber gleichzeitig doch so wunderschönen Land darstellt.
Feststellung Nr. 8: Athen ist eine Stadt, in der Geschichte und Moderne aufeinanderprallen, wie ich es bisher nur in Rom erlebt habe. Und ich merke, das ist meine ganz persönliche Empfindung, dass nichts eine Stadt schöner macht als ein solcher Mix. Ich habe diesen Ausflug sehr genossen und bin mir sicher, dass es nicht meine letzten Tage in dieser Stadt waren :-)

Nach sieben Stunden Busfahrt erreichten wir Thessaloniki gegen 22 Uhr am Abend und machten uns, diesmal ohne Umwege, auf den direkten Weg nach Hause und in unsere Betten. Am nächsten Morgen wollten wir ungefähr eine Stunde, bevor der Check-In-Schalter am Flughafen schloss, mit dem Bus zum Airport fahren. Leider kam keiner und so mussten wir ein weiteres Mal die Dienste eines Taxifahrers in Anspruch nehmen. Klein-Katha, mit den Gedanken wahrscheinlich mehr bei dem bevorstehenden Abschied, dem wohlgemerkt dritten Abschied innerhalb von zwei Tagen, vergaß ihr Portemonnaie im Taxi und bemerkte es erst, als sie mit Linda bereits Minuten am Schalter stand und der Taxifahrer es ihr wortlos in die Hand drückte. Naja, kann ja mal passieren. Immerhin wurde ich nicht ausgeraubt, es war nur eigene Dummheit. Oh, Moment... Das macht die Sache eigentlich noch schlimmer. Ach, egal :-) (Das ist übrigens eine Einstellung, die einem hier in Griechenland geradezu anerzogen wird...)
Was viel wichtiger ist, ist eigentlich Folgendes: Danke, Linda, für die wunderschöne und witzige Woche; danke für deine Spontanität und dafür, dass du mir ein klein wenig Heimat nach Griechenland gebracht hast. Ich hoffe, du hast die Zeit genauso sehr genossen wie ich! :-*

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