Sonntag, 18. April 2010

Der Sonne entgegen

Aus Athen wurde natürlich nichts. Irgendetwas musste ja schief gehen ;-) Als ich am Sonntagmorgen die Tickets kaufen wollte, teilte mir die Dame am Schalter mit, dass sämtliche Nachtzüge nach Athen voll besetzt und keine Tickets mehr verfügbar seien. Am Tag zu fahren wäre schwachsinnig gewesen, da wir einen ganzen Tag verloren hätten und wenn wir eine Nacht später gefahren wären, hätte sich die ganze Reise nicht mehr gelohnt. Also musste spontan eine Alternative her.

Da das Wetter in Thessaloniki an diesem Tag wieder einmal nicht so berauschend war, entschlossen wir uns zum zweiten Mal, aus der Stadt zu fliehen - diesmal in südöstliche Richtung nach Chalkidiki. Erneut ging es über Landstraßen durch zahlreiche kleinere und größere Ortschaften, bis wir irgendwann auf die Autobahn kamen, die uns vom "Handteller" der Halbinsel über die Meerenge auf ihren ersten "Finger", Kassandra, führte. Wasser zur Rechten, Wasser zur Linken - es war schon sehr faszinierend! Wir stoppten am erstbesten Sandstrand, der in unser Blickfeld geriet und verbrachten unsere Zeit damit, im Gestrüpp, im Sand und im Wasser nach kleinen und großen Kostbarkeiten zu suchen. Mir bis dahin vollkommen unbekannte Muscheln, Steine, Sepiaschalen und sogar Seeigel füllten unsere Behältnisse und nachdem wir den ganzen Abschnitt, man könnte fast sagen "abgegrast" hatten, machten wir erneut auf die Fahrt durch Kassandra. Wir stoppten in der kleinen Stadt Kallithea und aßen einen Eisbecher in einer Bar direkt am Strand. Der Strand war zwar nicht wirklich ein Strand - ein mit Sand bedeckter Betonboden, an dem es außer vielen Steinen und einigen verirrten Muscheln nichts zu sehen gab. Aber das Wasser war in diesem Fall Blickfang genug. Blau, blauer, das Wasser auf Chalkidiki. So türkisblaues, klares Wasser habe ich wirklich noch nie in meinem Leben gesehen. Ich dachte, ich bin im Paradies gelandet - oder zumindest irgendwo auf einer karibischen Insel.

Endlich ließ sich auch die Sonne blicken und nun war der Wunsch
nach einem abgelegenen Badestrand natürlich übermächtig groß. Erneut ging es ins Auto und nach ein paar Minuten war er auch schon gefunden. Einziger Makel: Der Sand war vielleicht etwas zu grob und Muscheln gab es auch keine, aber man soll ja nicht immer an allem herummäkeln :-) Dafür war außer uns keine Menschenseele am Strand und das war schon viel Wert.
Es dauerte nicht lange, da rief das Meer wieder "Komm' zu mir" und wäre ich Ich, wäre ich diesem Ruf nicht gefolgt? Nein. Bereuen tat ich diesen Entschluss allerdings schon, als ich bis zur Hüfte im Wasser stand. Aber die Blöße geben und unverrichteter Dinge wieder aus dem Wasser steigen? Das wäre genauso wenig Ich. Also stürzte ich mich kurz und schmerzlos in die Fluten und da war es, das zweite Mittelmeerbad vor Sommeranfang ;-)

Tochter im Wasser, Mutter nicht? Ging natürlich auch nicht. Auch, wenn viel Überredungskunst nötig war ("Wer weiß, wann du nochmal die Gelegenheit haben wirst, im Mittelmeer zu schwimmen?" war schließlich das durchschlagende Argument), folgte meine Mutter mir dann doch ins (zugegeben nicht wirklich warme) Wasser.
Fritz stieg mit den Füßen ins Meer, schüttelte nur ungläubig den Kopf und rief meiner Mutter zu: "Wehe dir, wenn du noch einmal sagst, dir sei kalt!". Das war die Geburtsstunde des Wortes "unwarm", das im Laufe des Abends dann bereits eifrig Verwendung fand ;-)

Nach einem erfrischenden Bad wärmten wir uns in der Sonne und saugten die Strahlen auf, bis sich schließlich am späten Nachmittag eine dichte Wolkenwand vor die Sonne schob und uns das Zeichen zum Aufbruch gab.
Zurück ging es auf den Straßen, die sich durch die schönen Wälder Kassandras schlängelten, die so natürlich und wild wuchsen, dass man das Gefühl hatte, in Dänemark gelandet zu sein.
Ein Tag am Strand macht ja bekanntlich müde und so fiel ich nach dem Abendessen bereits früh in mein Bett - und der folgende Tag sollte nicht minder anstrengend werden.

Der Sonne entgegen - das war auch unser Plan für Montag, denn erneut war Regen für Thessaloniki angesagt. Nachdem unser Athen-Plan ja nun ins Wasser gefallen war und wir mit dem "aus der Stadt Fliehen" bisher ganz gut gefahren waren, kramten wir spontan unsere Bulgarien-Idee wieder hervor, eine Reise, die wir schon Wochen zuvor in unsere Überlegungen mit einbezogen hatten, und machten uns am Vormittag auf den Weg nach Norden, auf der Suche nach den heißen Quellen im bulgarischen Pirin-Nationalpark nahe der griechischen Grenze. Ja. Das war der Plan. Aber was sind schon Pläne?

Nachdem wir uns bereits verfranzt hatten, bevor wir die bulgarische Grenze überhaupt zu Gesicht bekamen, da diese plötzlich nicht mehr ausgeschildert war und wir von derselben Gruppe Männer (wir passierten diese Gruppe im Laufe von 20 Minuten ca. drei oder vier Mal) jeweils in unterschiedliche Richtungen geschickt wurden, standen wir, mit etwas Verspätung, endlich in der Autoschlange, die sich vor dem Grenzübergang gebildet hatte. Wir übergaben unsere Personalausweise dem Grenzwächter, wurden eingehend gemustert und schließlich durchgewunken.

Da waren wir also, Bulgarien. Es war wohl unter anderem der Spontanität dieser Reise (und der am Vortag nicht funktionierenden Internetverbindung) geschuldet, dass ich es unterlassen hatte, mich vorher über das Land zu informieren und so musste ich auf dem Weg ins Landesinnere leider feststellen, dass mir weder meine Kenntnisse des griechischen noch des lateinischen Alphabets großartig weiterhelfen würden. Kyrillisch. Und, was viel schlimmer und noch sehr viel peinlicher war, wir empörten uns über die "unverschämten und vollkommen überhöhten Benzinpreise" von 2.50 "€" und mehr, bis wir auf die Idee kamen, dass EU-Mitgliedschaft nicht gleich Euro bedeuten muss. Und plötzlich machten die Dutzenden Banken direkt hinter der bulgarischen Grenze auch Sinn. Bulgarien. Kyrillisch. Lew-Währung und wir? Wir waren aufgeschmissen.

Wikipedia verriet mir, dass man nahe des Städtchens Sandanski eine Vielzahl von heißen Quellen würde finden können. In der Stadt angekommen standen wir dann allerdings zunächst vor dem nächsten Problem. Englischkenntnisse? Fehlanzeige, wen man auch fragte. Niemand verstand mich. Wirklich niemand. Und so konnte uns niemand erklären, wie wir diese Quellen finden konnten. Durch Zufall trafen wir auf einen Herren mittleren Alters, der Deutsch sprechen konnte und der Überzeugung war, dass die nächste heiße Quelle erst in der Ortschaft Petritsch zu finden sei und wies uns den Weg.

Doch auch in Petritsch wurden wir nicht fündig. Wir erhielten nur den Namen eines weiteren Dorfes - Rupite. Nervlich bereits sichtbar gereizt fuhren wir also weiter aufs Land. Keine Häuser weit und breit, es wurde immer ruhiger. Wir wollten schon umkehren, da fragten wir einen jungen Herren im Auto, der zufälligerweise gerade in Richtung Rupite unterwegs war und er wies uns an, ihm zu folgen. So gelangten wir schließlich doch noch in besagtes Dörfchen und fanden dort auch tatsächlich unsere Mineralquelle.

Trotz der nervenaufreibenden Fahrt hat sich die Reise dann doch noch gelohnt. Das Dorf oder der Teil, den wir von ihm gesehen haben, war einfach nur malerisch. Eine kleine, weiße Kirche, auf einem wunderschönen Gelände mit Bambushain, vielen Bäumen und weißen Bänken, die zum Verweilen einluden, gelegen, bewohnte Storchennester in 50-Meter-Abständen und eine 75°C heiße Mineralquelle, das alles nahe eines Berges, der den Namen Kozhuh trägt, siehe Foto.

Die Quelle war schon ziemlich interessant. Es qualmte, die Erde am Rande der Quelle war vom Wasser ganz verbrannt und ganz in der Nähe des kleinen Quellsees hörte man das Wasser zwischen Steinen versteckt nach oben sprudeln. Aber was man nicht sah, roch man umso intensiver. Den für den Ex-Chemie-Leistungskursler nicht unbekannten Schwefelgeruch nahm man schon von Weitem wahr. 75°C - Baden wäre in dieser Quelle wohl keine gute Idee gewesen, doch einmal um die Ecke wusste man die Quelle kommerziell zu nutzen. Für den vollkommen vertretbaren Preis von 5 € für uns drei zusammen (der Besitzer, ein sehr freundlicher Mann, gab uns die Möglichkeit, mit Euro zu bezahlen - nahe der Grenze kann man auf solches Entgegenkommen wohl öfter hoffen) hatten wir die Möglichkeit, in dem Quellwasser, dem man kaltes Wasser zugesetzt hatte, zu baden. Es war eine Wohltat für unsere gestressten Seelen ;-) Übrigens folgte uns die Sonne auch an diesen Ort. Oder folgten wir ihr? Ich weiß es nicht...

Nach dieser netten Erfahrung machten wir uns auch schon wieder auf den Heimweg, nicht ohne vorher noch die hübschen kleinen Wollfiguren zu bewundern, welche die Besucher, natürlich nach dem käuflichen Erwerb, an etliche Bäume auf dem Gelände gebunden hatten. Und so ging nun auch unser vierter gemeinsamer Tag glücklich zuende.

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