Samstag, 13. Februar 2010

Von Höhlen und Bergen

Wieder kann ich nur sagen: Der Ausflug war unglaublich! Dieser Blogeintrag wird vermutlich wieder ellenlang werden. Bereit? Also los :-)

Unser erster Halt am Freitagmittag war die Alistrati cave, eine Tropfsteinhöhle etwa zwei Stunden Busfahrt von Thessaloniki entfernt. Wie wir erfuhren, ist Griechenland nach China das Land mit den meisten Höhlen weltweit. Und wer jetzt die Flächen von diesen beiden Ländern vergleicht, kann sich vorstellen, dass es sehr viele auf kleinem Raum sein müssen. Die Alistrati cave zählt zu den schönsten Höhlen in ganz Europa. Und das muss eine Tatsache sein, denn als wir die ersten Schritte in die Höhle gesetzt hatten, hörte man von den Frauen nur ein „Oooooooh!“ und selbst die Männer schienen ausnahmsweise eines spöttischen Kommentares verlegen zu sein. Das erste, was uns auffiel, war die unglaublich hohe Luftfeuchtigkeit, die das Atmen zu einer kleinen Belastungsprobe für die Lungen machte, und die Wärme. Jeder hatte seinen Mantel aus dem Bus mitgenommen, da es ja normalerweise kälter wird, je weiter man sich unter der Erdoberfläche aufhält. Aber niemand von uns, nicht einmal die Frostbeulen³, hätten eine Jacke gebraucht. In der Höhle herrscht eine konstante Temperatur von 18°C, sommers wie winters. Wie funktioniert das? So richtig verstanden hat niemand diesen geologischen Prozess, aber es scheint die Idealtemperatur für Stalagmiten und Stalaktiten zu sein. Sie speichern die Wärme im Sommer und geben sie konstant in den Wintermonaten an die Umgebung ab. Auch für Nicht-Geologen ziemlich faszinierend!
Die Höhle zählt ohne Frage zu den beeindruckendsten Naturphänomenen, die ich bisher gesehen habe. Nicht nur, dass sie flächenmäßig riesig ist, denn der Touristenweg ist knapp über einen Kilometer lang und die Ausdehnungen der Höhle in alle anderen Richtungen sind dort noch nicht einmal mit eingerechnet - auch die unzähligen Stalagmiten und Stalaktiten (und wenn ich „unzählig“ schreibe, dann meine ich das auch!) haben teilweise eine enorme Höhe erreicht. Ich kann die Beiden jetzt übrigens endlich auseinander halten, aber für den Fall, dass Kinder den Blog lesen, kann ich die Eselsbrücke leider nicht mit euch teilen ;-)
Wie bereits erwähnt, ist nur einer der Wege für Besucher zugänglich. Das liegt einerseits daran, dass die anderen Gänge unwegsamer oder gar gefährlich sind, andererseits aber auch an Folgendem: Bei der Entdeckung der Höhle fand man dort einen riesigen Schwarm von Fledermäusen. Da man diesen Schwarm nicht komplett aus seinem Lebensraum verdrängen wollte, entschied man sich, die anderen Wege zu sperren, um den Fledermäusen einen Rückzugsort zu gewähren. Ich bin übrigens die einzige, die zwei der süßen Flattermänner zu Gesicht bekommen hat :-)
Unser Guide zeigte uns die schönsten Stalaktiten/-miten der ganzen Höhle. Viele von ihnen besitzen Namen: the crown, flames, column – mit viel aber oft genug auch mit wenig Fantasie konnte man in den Gebilden tatsächlich entsprechende Formen erkennen. Besonders beeindruckend war ein Stalaktit, dessen griechischen Namen ich mir leider nicht merken konnte. Aber was hängen blieb, war die Übersetzung: den Regeln der Schwerkraft widerstrebend. Und dieser Name war vollkommen gerechtfertigt, denn von dem Stalaktiten, die ja nach unten ‚wachsen’, standen ganz zarte, kurze Stalaktiten in alle Richtungen ab, ähnlich wie bei einem Igel. Diese wundersamen Gebilde sind übrigens sehr empfindlich. Es war uns streng verboten worden, sie zu berühren, denn sie übernehmen augenblicklich die menschliche Körperwärme und das zerstört sie in minutenschnelle. Fotos waren, wie so oft, leider nicht erlaubt... Aber ihr könnt die Höhle einfach mal googlen und eine Bildersuche starten!
Als ob der visuelle Eindruck nicht schon atemberaubend genug gewesen wäre, kam der nächste Schlag nur wenig später, als der Guide etwas zum geschätzten Alter der Höhle sagte: 3 Millionen Jahre. Manch einem, der ungläubig die Brauen nach oben zog, als der Guide über einen besonders hohen Stalagmiten sagte, er sei um die 18.000 Jahre alt, kippte bei dieser Zahl endgültig die Kinnlade herunter.
Stalaktiten/Stalagmiten wachsen sehr langsam – für rund einen Zentimeter müssen ungefähr 500 Jahre lang Tropfen auf Tropfen auf Tropfen fallen. Der höchste Stalagmit der Höhle besitzt eine Höhe von 12,5 Metern. Wer Lust und Muße hat, kann jetzt ausrechnen, wie alt dieses Naturwunder ist. Besagtem Stalagmiten fehlen „nur“ noch ca. 20-25 cm bis zur Höhlendecke. Mit dem Kommentar, dass wir uns ja in ein paar tausend Jahren wieder treffen könnten, um diesem denkwürdigen Augenblick beizuwohnen, begleitete er uns schließlich wieder aus der Höhle hinaus.


Wir setzten unsere Reise fort und machten einen kurzen Zwischenstopp in Serres, der Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur, und aßen dort in einem sehr gemütlichen Bistro Mittag (Suflaki mit griechischem Salat, gebackenen Kartoffelscheiben, gebackenem Feta und Pita-Brot). Danach ging es weiter nach Aggistro, einem kleinen Dörfchen kurz vor der bulgarischen Grenze, wo wir auch die Nacht verbracht haben. Das Dorf ist bekannt für seine Thermal Spa-Anlage – so bekannt, dass sie 24 Stunden am Tag geöffnet hat (ja, es gibt wirklich Menschen, die nachts um drei oder vier in ein Thermalbad gehen). Und klar, wieso sollte ich so etwas erwähnen, wenn es nicht relevant wäre? Natürlich waren wir dort und durften eine halbe Stunde das 38°C warme Wasser der heißen Quelle (einer echten heißen Quelle!), das angeblich besonders gesundheitsfördernd sein soll, genießen ;-) Wir hätten allerdings genauso gut in einer Sauna sein können. Auch, wenn wir versuchten, unsere Haare trocken zu halten – sie waren hinterher klitschnass, ohne auch nur einen Tropfen Wasser aus dem Becken abbekommen zu haben. Der ganze Raum war dunsterfüllt und selbst die Klamotten, die nebenan in einem separaten Raum lagen, waren hinterher ganz klamm. Wider Erwarten bin ich nicht krank geworden – Glück gehabt…

Anschließend waren wir mit unserem Guide und dem Busfahrer in einer griechischen Taverne essen. Ich dachte zwar nicht, dass dieser Part des Ausfluges mit den restlichen Programmpunkten Schritt halten würde, aber er tat es! Das Essen war hervorragend. Salat mit griechischem Rucola (ich habe nie so leckeren Rucola gegessen!), gebackener Feta, Tsatsiki, angenehm süßer Rotwein und als Hauptgang für mich einmal mehr Kalamari. Ich kann nichts dagegen tun, es lacht mich jedes Mal wieder von der Speisekarte aus an ;-) Und, liebe Leute, ich muss mit meiner jahrelang festen Überzeugung, dass Muscheln zu den absolut ekelhaftesten Dingen der Welt gehören und ich niemals im Leben auch nur eine essen würde, brechen. Markiert euch den 12. Februar 2010 rot in euren Kalendern: Ich habe Muscheln gegessen und ich fand sie köstlich :-) Aber fragt mich bitte nicht, was es für welche waren…
Der Tavernenbesuch endete damit, dass einer der Kellner auf Wunsch unserer Reiseführerin traditionell griechische Musik auflegte und wir die gesamte Taverne zur Tanzfläche umfunktionierten. Viele der anderen Tavernenbesucher amüsierten sich königlich, andere ließen sich zwar nur zu einem Schmunzeln herab, aber zum Glück regierte niemand genervt oder fühlte sich gestört. Am Besten war ja immer noch die ältere Dame vom Tisch nebenan, die kurzerhand aufstand und unter Applaus ihrer Begleiter zu uns kam und selbst das Tanzbein schwang. Ja, ich würde durchaus behaupten, dass dieser Tag alles übertroffen hat, was ich hier bisher (üb)erlebt habe :-) Wir ließen den Abend und einen Teil der Nacht auf dem Hotelzimmer zweier unserer Jungs ausklingen, ließen die Herren der Schöpfung Sirtaki tanzen und lachten Tränen über YouTube-Videos...

Heute ging die Reise dann um 11 Uhr nach einem ausgiebigen Frühstück weiter zum Fort Roupel. Wir kamen mit ca. 20 Minuten Verspätung an, da unser aller Liebling Markus seine Armbanduhr unter seinem Hotelbett vergessen hatte, was ihm natürlich erst nach zehn Minuten Fahrt und der vorherigen Bitte unserer Reiseleiterin, doch noch einmal in uns zu gehen und zu überlegen, ob wir wirklich all unsere Sachen mitgenommen haben, da es nicht die Möglichkeit geben würde umzukehren, auffiel... ;-) Ach, ich werde ihn vermissen, den kleinen Chaoten!
Ich bin übrigens froh, dass ich diesen Blogeintrag gerade schreiben kann, denn ich sah mich auf dem Weg zum Fort schon zerquetscht im Reisebus irgendwo hunderte Meter von dem Ort entfernt, an dem sich der Bus eigentlich befinden sollte: der Straße. Die Griechen halten nicht viel von Leitplanken. Normalerweise würde es mich nicht weiter stören, aber wenn man mit einem vollbesetzten Reisebus eine schmale Straße entlang fährt, sich in Schlangenlinien den Berg hochkämpft und man nie weiter als 20 Zentimeter vom Abgrund entfernt ist, fände ich sie schon angebracht. Ganz ehrlich. Das ist mir jetzt schon öfter aufgefallen: Je gefährlicher die Straße, desto weniger Leitplanken. Ich liebe griechische Logik! Aber es ist zum Glück alles gut gegangen und irgendwann standen wir auf diesem Berg und hatten eine wunderbare Aussicht auf das angrenzende Gebirge knapp hinter der Grenze Bulgariens. Auf dem Foto unten links interessierte mich natürlich vorrangig die...ähm...Aussicht :-)
Roupel Fort war für die Griechen ein wichtiger strategischer Ort im Kampf gegen die deutschen und bulgarische Truppen wärend des Balkanfeldzuges 1941. Tja... Leider verließen mich hier bereits die Kenntnisse, die ich über diesen Ort mitbrachte. Allgemein habe ich heute gemerkt, dass ich absolut keine Ahnung von dem Verlauf des II. Weltkrieges auf dem Balkan habe. Ich habe mir vorgenommen, das mal zu recherchieren. Man sollte schon irgendwie Bescheid wissen über die Geschichte des Landes, in dem man sich entschließt, ein halbes Jahr zu leben...
Zwei Soldaten (lustigerweise hießen beide Γιάννης - also zu Deutsch "Jannis") führten uns über das Gelände und erzählten uns, wie beispielsweise die Tunnel benutzt wurden, wie der Kampf um diesen Stützpunkt ablief und was geschah, nachdem die Griechen Fort Roupel an die deutschen Truppen übergaben. Wir warfen einen Blick auf die Kriegsmaschinerie aus den 40er Jahren, Fotografien und Uniformen der damaligen griechischen Soldaten.
Ich fand die Führung sehr interessant und bin froh, ausnahmsweise mal in die neuere griechische Geschichte einzutauchen und mich nicht immer nur damit zu beschäftigen, womit man Griechenland zuerst verbindet - die Antike und die Mythologie. Man neigt dazu, zu vergessen, dass wir uns im modernen Griechenland befinden und nicht im Griechenland von vor 2.000 Jahren. Oh, wo wir gerade dabei sind - ich habe heute zum ersten Mal ein griechisches Plumpsklo ausprobiert (ausprobieren müssen...) und habe es geschafft, mich nicht anzupinkeln ;-) Gekonnt, was?
Nachdem wir über die Teufelsstraße wieder unbeschadet am Fuße des Berges angekommen waren, ging es zum Mittagessen wieder irgendeinen anderen Berg hinauf, wo wir eine Stunde in einer kleinen Taverne verbrachten. Gefüttert und gewässert ging es danach auf direktem Wege zurück gen Thessaloniki.

Und wieder einmal habe ich es (es war mir ja irgendwie schon von Anfang an klar...) geschafft, den ganzen Abend an diesem Blogeintrag zu sitzen und wieder nichts für die Griechischklausur am Mittwoch zu tun. Schande über mich... Deshalb gehe ich jetzt ins Bett, um dann morgen durchzustarten. Oder erst zu frühstücken und dann durchzustarten. Oder erst zu frühstücken, dann an der Promenade einen Spaziergang zu machen und dann durchzustarten. Oder... vielleicht auch nicht durchzustarten, womit wir wohl bei der realistischsten Option wären. Καληνύχτα σας! :-)

By the way: Mein Weisheitszahn sprießt und gedeiht. Finde ich ziemlich uncool, denn ich werde hier nicht zum Zahnarzt gehen. Auch nicht zum Hausarzt. Und ins Krankenhaus auch nicht. Niemals.

1 Kommentar:

  1. ja,... das würde ich dir auch nicht empfehlen.. ich war mal auf Zypern im Krankenhaus... Um es nett zu formulieren: ich fand es gruselig. :)

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