Montag, 10. Mai 2010

"Hey Angelina, you're beautiful!"

Der nächste Tag begann für uns erst gegen 11 Uhr. Die lange Busfahrt musste einfach irgendwie kompensiert werden, andernfalls hätten wir diesen und die Folgetage nicht überlebt. Wir verließen das Hostel, kauften uns bei einem Bäcker unser Frühstück - denn die türkischen Bäckereien haben mindestens genauso viel zu bieten wie die griechischen! - und setzten uns auf einen sonnigen Platz, nicht ohne uns vorher noch einen frisch gepressten Orangensaft zu besorgen (so frisch gepresst, dass wir beim Pressen zusehen konnten...).

Unser erstes Ziel für diesen Tag war der Kapalı Çarşı (der Große Basar), eine der Sehenswürdigkeiten in Istanbul. Und erlebt haben sollte man dieses Spektakel wirklich einmal. Das Gelände des Basars ist riesig. So riesig und vor allem so überfüllt, dass es nötig schien, einen Treffpunkt zu vereinbaren. Das eigentliche Gebäude, in dem der Basar stattfand, wurde schon weit vorher von Straßen voller Stände umringt - wo die Ware übrigens um ein Vielfaches günstiger war, als im Gebäude selber. Wir dachten, wir wären schon auf dem Basar angekommen, als wir plötzlich vor einer Tür, flankiert von einem Polizisten, standen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl traten wir ein und waren sofort erschlagen von dem ganzen Blingbling, den Schals und Schuhen und Souvenirs, Wasserpfeifen und angeblichen Markenklamotten. Auch, wenn ich auf dem Basar nichts gekauft habe - das Umherstreifen (oder das Umhergestreiftwerden, das trifft es wohl eher) war Abenteuer genug. Die Halle mit ihren kunstvoll bemalten Kuppeldächern, den Bögen und Säulen verliehen dem Ganzen etwas Orientalisches, doch die (natürlich fast ausschließlich männlichen) türkischen Verkäufer, die dort ihre Ware feilboten, komplettierten dieses Bild erst.

Wir suchten nach einem Orientierungspunkt und einigten uns darauf, uns an einem bestimmten Ort zu treffen, der auf dem ersten Wegweiser über unseren Köpfen ausgeschildert war (ich habe das Wort schon wieder vergessen), nur für den Fall, dass wir uns unterwegs verlieren sollten. Das Ganze wurde allerdings zu einem Problem, als dieses Wort auf unserem weiteren Weg plötzlich in ganz verschiedene Richtungen ausgeschildert wurde. Erst da kam uns in den Sinn, dass dieses Wort vielleicht so etwas wie "Ausgang" bedeuten könnte. Und da die Basarhalle mehr als einen Eingang besaß, war es als Treffpunkt natürlich mehr als nur unsinnig. Wir gaben unser Vorhaben auf und hofften einfach, uns in den über 50 Straßen der Halle nicht zu verlaufen ;-)
Über einen Basar, der sich über 30 Hektar erstreckt, läuft man nicht "mal eben so". Wir liefen Stunden durch die Gassen, verloren uns im Gewühl, fanden uns wieder. Treppauf, treppab, drinnen wie draußen vor den Toren des Basargebäudes. In dem Gedränge zusammenzubleiben erforderte ein hohes Maß an Konzentration und Rücksichtnahme. Man konnte nicht einfach gemütlich durch die Gassen schlendern, denn hier wollte sich einer Schuhe näher angucken, dort gefiel jemandem eine Jacke, der Nächste brauchte noch ein Souvenir für die Oma daheim - und drehte man sich nicht alle 20 Sekunden um, um sich zu vergewissern, dass noch alle Küken da waren, stand man plötzlich alleine da.
Und alleine, umringt von den ganzen Verkäufern, die einem hier Kopftücher, dort Schmuck und Adidas-Fakes aufschwatzen wollten, fühlte man sich schon ein wenig hilflos. Für sie war es vollkommen unlogisch, wie man auf einen Basar gehen konnte, ohne das feste Vorhaben, einkaufen gehen zu wollen. Doch bei uns halfen auch die unkreativsten Kosenamen nichts. Im Laufe unseres Besuchs auf dem Basar wurde jeder von uns ungefähr drei bis vier Mal Angelina genannt - in allen möglichen Ausschmückungen: "Hey Angelina, you are so...beautiful!", "Oh, Angelina, look here! Wonderful Adidas-jackets for a wonderful woman!", "Angelina, hey, Angelina, wait! Oh my god, she's so pretty!". Wir konnten uns das Lachen nicht verkneifen, es mutete einfach zu lächerlich an, wie die Verkäufer ihre verbale "Angelina-Schlacht" untereinander ausführten.

Während meine Begleiterinnen einen Verkäufer auf ihrer schier aussichtslosen Suche nach einer ganz bestimmten Jacke fast wahnsinnig machten, stand ich einige Zeit einfach nur abseits und beobachtete das Treiben in den Gassen. Obst- und Gemüseverkäufer, die ihre kleinen Wägelchen vor sich die Straße hochschoben, zwei Türkinnen mit Kopftüchern, die an einem Kopftuchstand standen und sich Tücher in den unterschiedlichsten Farben und Formen umbanden, kräftige Männer, die eine Art Lastengestell auf ihren gebeugten Rücken trugen, welche voll beladen waren mit Warenlieferungen, die sicherlich 40, 50 Kilo schwer waren und die ihre Lasten mit Hilfe von weiteren Männern, die die Paket von hinten sicherten, mühselig Schritt für Schritt die engen, steilen Gassen hochwuchteten. Die ganze Atmosphäre war schon sehr beeindruckend.

Nachdem wir uns, begleitet von "Angelina!"-Rufen, aus dem Kern des Basares geschoben hatten, schwirrten unsere Köpfe von all den neuen Eindrücken. Wir beschlossen, für den Rest des Tages auf "schwere Kost" in Form von Sehenswürdigkeiten zu verzichten und schlenderten stattdessen mehr oder weniger ziellos durch die Straßen. Ein Blick auf die Karte verriet uns, dass wir uns nicht weit vom erhaltenen Aquadukt der Stadt befanden. Von dort aus war auch die Süleyman-Moschee leicht zu erreichen.
Auf dem Weg zum Aquadukt wurden wir Zeuge einer ziemlich faszinierenden Begegnung zwischen einem ziemlich mächtigen Vogel (eine Krähe war es nicht, eine Elster auch nicht - aber er war ziemlich groß und der Schnabel mehr als nur beeindruckend, wenn man ihn so von Nahem sah) und einer Katze. Die Katze, vollkommen cool und unbeeindruckt, schob sich an einer Seite eines Metallzauns entlang, während der Vogel, auf der anderen Seite mithüpfend, versuchte, die Katze zu provozieren, indem er an ihr vorbeitänzelte und versuchte, ihr in den Schwanz zu zwicken. Als er merkte, dass die ganze Sache nicht fruchtete, flog der Vogel auf den bodennahen Ast eines Baumes und krähte ihr frech ins Gesicht (siehe Foto). Die Katze, noch immer vollkommen unbeeindruckt, schaute nur gelangweilt auf, senkte aber sofort wieder den Kopf und schlich weiter. Der Vogel sprang auf dem Ast herum, krähte, schlug mit den Flügeln - keine Reaktion. Dann nahm er wahr, dass wir ganz in der Nähe standen, ihn beobachteten, Fotos schossen und Videos drehten und, man konnte fast das Gefühl haben, das Gehabe wäre ihm peinlich, krähte er der Katze noch einmal wütend hinterher und flog von Dannen... :-)

Nachdem wir einen kurzen Blick auf das Aquadukt geworfen hatten, ging es weiter durch schmale Gässchen in Richtung Süleyman-Moschee. In diesem Teil der Stadt, so hatte man das Gefühl, war die Zeit irgendwann stehen geblieben. Alte, türkische Häuser, zum Teil in sehr schlechtem Zustand, Fussball spielende Kinder auf dem Kopfsteinpflaster, alte türkische Männer mit Pfeife, rabenschwarzem Haar, Schnurrbart und Hut.
An der Moschee angekommen mussten wir leider feststellen, dass sie aus Renovierungsgründen für Besucher unzugänglich war. Während zwei Mädels aus unserer Gruppe auf die Toilette mussten, setzten wir uns in die Sonne und warteten. Wir trafen auf einen sehr freundlichen Mann in traditioneller Tracht, der türkischen Tee verkaufte und gerne mit uns auf einem Foto posierte :-) Weniger erfreulich war das, was danach passierte. Eine Gruppe von Demonstranten, alle in schwarz gekleidet, die Fäuste in die Luft gestreckt und Parolen schmetternd, stapfte durch die Straßen, mit einigem Abstand gefolgt von Polizisten, die Schilde, Waffen und sogar überdimensionale Feuerlöscher auf dem Rücken trugen. Die Gruppen standen sich zur späteren Stunde gegenüber, jeder wartete auf den ersten Schritt des Anderen. Dahin war die friedvolle Atmosphäre mit der Süleyman-Moschee im Sonnenschein und dem freundlichen Teeverkäufer...

Ein Blick auf die Uhr sagte uns: 17 Uhr und nur noch drei Stunden, bis wir uns an der Promenade mit zwei Freunden von Eva und Nicolle zum Abendessen treffen würden. Die beiden hatten Angeline und Jeffrey (ein Pärchen aus Singapur, die beide ihr ERASMUS-Auslandssemester in Istanbul verbringen) auf ihrem Ausflug ins bulgarische Sofia kennengelernt und nun sollte es ein kleine Revivaltreffen geben. Wir eilten also zurück ins Hostel, legten für ein paar Minuten die Füße hoch, zogen uns dann wieder um und waren auch schon wieder aus dem Haus.

Der Abend mit Angeline und Jeffrey war wirklich sehr schön. Beide waren wahnsinnig freundlich und aufgeschlossen und wenn ich mal nach Singapur reisen sollte, werde ich mit offenen Armen empfangen :-) Wir aßen zusammen in einem sehr nobel wirkenden Restaurant, in dem das Essen nicht nur preiswert, sondern auch wirklich gut war und zogen uns hinterher auf den restauranteigenen Dachbalkon zurück, der mit Teppich ausgelegt und mit zahlreichen, weichen Sitzkissen, niedrigen Tischchen und natürlich Wasserpfeifen ausgestattet war, sodass richtig orientalisches Flair aufkam. Einen türkischen Tee in den Händen haltend, frei aufs Haus, versteht sich, saßen wir und plauderten, bis es plötzlich schon zu spät war und Angeline und Jeffrey ihren Shuttlebus auf die asiatische Seite Istanbuls verpassten. Der nächste fuhr erst rund zwei Stunden später, um 2 uhr in der Frühe und so beschlossen die beiden, uns vorher noch das Party-Viertel um den Taksim-Platz im Stadtteil Beyoğlu zu zeigen.
Dieser Freitag war der einzige Tag, an dem wir das Nightlife in Istanbul noch erleben konnten, denn wir hatten vollkommen vergessen, dass der Folgetag der 1. Mai sein würde, der Tag, an dem es jedes Jahr zu Ausschreitungen auf dem Taksim-Platz kommt, die im Jahre 2008 über 30 Menschen das Leben kosteten. In weiser Voraussicht würde die Polizei schon am Folgetag Straßen sperren - keiner raus, keiner rein. Und so stand fest: heute oder gar nicht mehr - verständlicherweise war uns "heute" lieber ;-)
Wir fuhren mit der Tram einen unglaublich steilen Berg hoch und plötzlich standen wir schon auf Istanbuls berühmter Fußgängerzone, der İstiklal Caddesi. Über diese Straße hat Oliver übrigens ein Gedicht geschrieben, aber ich verschone euch jetzt mal mit unverständlichen Neologismen und undeutbaren Bildern. Auffallend und sehr verwirrend war die (angeschaltete!) Weihnachtsbeleuchtung, die sich durch die ganze Fußgängerzone zog...
Wir hatten die Qual der Wahl, entschieden uns nach endlosen Minuten dann aber endlich für eine etwas alternativere Bar und saßen dort, tranken Bier oder, in meinem Fall, den ersten bezahlbaren Wodka-Energie seit meiner Ankunft im Süden und plauderten, plauderten, verabschiedeten uns irgendwann von Angeline und Jeffrey, die ihren Shuttlebus erwischen mussten, weil es der letzte in dieser Nacht sein würde, plauderten weiter, bis wir plötzlich die einzigen Besucher in der Bar waren. Das letzte, was wir in dieser Nacht taten, war, uns ein Taxi heranzuwinken, uns zu Fünft hineinzuquetschen (also, in Deutschland wäre das ja nie möglich gewesen... ;-)) und fielen vollkommen erschöpft aber zufrieden in unsere Betten.

Was wir am Samstag so getrieben haben, na, ihr kennt das ja inzwischen...

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