Dienstag, 18. Mai 2010

Istanbul. One city – two continents.

Unser letzter Tag begann früher als die anderen. Schon um halb 9 klingelte der Wecker, denn geplant war eine Bosporus-Rundfahrt und das Boot sollte um 10:20 Uhr ablegen. Und da wir von Angelina und Jeffrey wussten, dass die Boote sehr voll sind, wollten wir rechtzeitig dort sein, um einen guten Platz zu ergattern.

Schon als ich aufwachte, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich fühlte mich nicht sonderlich müde, aber mein Gesicht schien da anderer Auffassung zu sein. Ich war nicht in der Lage, meine Augen zu öffnen. Ich dachte, eine Fuhre kaltes Wasser in meinem Gesicht würde mich schon aufwecken und so machte ich mich auf den Weg in Richtung Bad. Als ich dort ankam, standen einige unserer Mädels schon an den Waschbecken und als sich mich sahen, fiel ihnen fast die Kinnlade herunter. Vollkommen geschockt baten sie mich, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Als ich es tat und mein Gesicht sah, wünschte ich mir, ich hätte nicht auf sie gehört. Mein Gesicht war eine einzige, geschwollene Masse. Stirn, Wangen und die Augen waren am schlimmsten. Jetzt erklärte sich auch, warum das mit dem Augenöffnen nicht so recht klappen wollte. Und als ob mein Double-Size-Gesicht nicht schon gereicht hätte, war ich auch noch von roten Flecken übersäht, die furchtbar juckten.

Ja, allergische Reaktion. So weit war ich auch schon gekommen. Aber gegen was? Waren es die Champignons von meinem Abendessen? Ich hoffte es nicht, denn dann hätte ich mich leider erschießen müssen. Ohne Champignons geht nämlich gar nicht… Aber genauso gut hätten es die Gewürze im Essen, der Salat oder das Künefe sein können (was mir ebenso leid getan hätte, aber das landet wenigstens nicht einmal wöchentlich bei mir auf dem Teller…). All das war mir aber im Endeffekt egal, weil eines viel wichtiger war: Wie sollte ich diesen Tag überleben? Stundenlang draußen unterwegs, hunderte Menschen, die an mir vorbeigehen würden. Eitel, ich weiß.

Wir packten unsere Sachen, verstauten sie im Gepäckraum des Hostels und checkten aus. Dann machten wir uns auf den Weg zum Hafen. Ob die Sonne nun schien oder nicht, ob ich mich drinnen oder draußen befand – ich hatte meine Sonnenbrille auf und meinen Schal zum Kopftuch umfunktioniert. Ich hielt meinen Kopf gen Boden gerichtet, was immerhin den Vorteil hatte, dass ich die Scheiße wenigstens nur in meinem Gesicht hatte und nicht irgendwann auch unter den Schuhen.

Wir sahen „unser“ Boot und wussten sofort: Wir brauchen eine Alternative. Es war schon eine halbe Stunde vor Abfahrt vollkommen überfüllt und wir erfuhren, dass es eine siebenstündige Tour werden würde. Wir schauten uns um und uns fiel ein kleiner Kutter auf, der sich im Wellengang bedrohlich von rechts nach links und wieder zurück warf. Ein Lautsprecher kündigte etwa alle zehn Sekunden unüberhörbar eine Bosporustour an und auf Nachfrage erfuhren wir, dass die Fahrt zwei Stunden und der Preis 10 Lira betragen würde. Nicolle schien mehr als nur skeptisch, sie hatte Angst, dass sie seekrank werden würde bei all dem Geschunkle. Aber was blieb uns anderes übrig? Die Bootsfahrt musste sein (ich hätte mich im Endeffekt auch alleine dort rauf gesetzt) und so begaben wir uns dann doch an Bord, steuerten das Oberdeck an, was bedeutete, dass wir auf der Treppe erstmal in Sekundenabständen gegen die Geländer geschleudert wurden, passierten den Lautsprecher, der uns fast unser Hörvermögen kostete und nahmen auf den Bänken an der Reling Platz. Eine halbe Stunde dauerte es noch, bis das Boot losfuhr, doch wir wollten gute Plätze haben und so ließen wir uns auf 30 Minuten Schunkelei ein. Ich glaube, ich war die Einzige, die es wirklich lustig und am Ende schade fand, das Boot wieder zu verlassen ;-)

Um 10:45 Uhr ging die Fahrt dann endlich los. Wir fuhren einen Teil des Bosporus hinauf, befanden uns plötzlich zwischen den Kontinenten – Europa zu unserer Rechten, Asien zu unserer Linken. Und doch war alles Istanbul. Schon ein irres Gefühl.
Neben mir saß ein junger, türkischer Reiseführer, der zwei älteren Damen erklärte, an was wir gerade so vorbeifuhren. Ich schnappte etwas von einem alten Palast auf und von einem Schloss, auf dem heute nur noch vornehme Feierlichkeiten und Hochzeit
en stattfinden. Mein Gesicht verlor indes zumindest seine Röte und schwoll so weit ab, dass ich nur noch fett und nicht mehr krank wirkte. Juhu. Ich genoss den frischen Fahrtwind, freute mich über die vielen Fischerboote um uns herum und sagte mir: Ein Leben auf See, das wär’ was!

Wir fuhren unter der Bosporus-Bridge (siehe Foto) hindurch, die Brücke, die Europa und Asien miteinander verbindet und die man nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto passieren kann, umrundeten etwas, das ein wenig wie ein Bootsfriedhof aussah und befanden uns plötzlich schon wieder auf dem Heimweg. Zuvor entdeckten wir etwas, das erstaunliche Ähnlichkeiten mit Thessalonikis Weißem Turm aufwies – bis wir feststellten, dass es tatsächlich ein Bauwerk genau der gleichen Art war. Und schon war es nicht mehr einer, sondern gleich drei. Nicolle hob nur eine Augenbraue und sagte ganz sachlich: „The White Tower ist the landmark of Thessaloniki. Istanbul has three auf them somewhere in its back parts. Says a lot about this city, doesn’t it?”. Wir mussten alle lachen.

Nach zwei Stunden landeten wir schließlich wieder dort, wo wir eingestiegen waren. Seeluft macht hungrig und deshalb setzten wir uns in einen Fisch-Schnellimbiss unter der Yeni Galata Bridge und aßen ein Fischbrot (siehe Foto), eine Spezialität in Istanbul, die uns von unseren Freunden aus Singapur wärmstens empfohlen wurde – und lecker war’s wirklich :-)

Einige Stunden in der Millionenmetropole blieben uns noch und wir setzten da an, wo wir aufgehört hatten – mit Fisch. Wir überquerten besagte Brücke, nicht ohne die vielen Fischer zu bestaunen, die von hier ihre Angeln auswarfen und im Sekundentakt kleine, silbrige Fischchen an Land zogen. Ob man die essen konnte oder es nur Köder für größere Fische waren, weiß ich bis heute nicht. Nicolle posierte noch einmal mit einer Angel und schon fanden wir uns im Stadtteil Beyoglu wieder. Dort gab es einen sehr schönen Fischmarkt, den wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollten. Wir schlenderten durch die Stände voller Fische, Krabben, Krebse und sonstigem Meergetier und machten Pause in einer sehr ruhigen Ecke, in der ganz malerisch einige kleine Boote vor sich hin schaukelten und Möwen ihre Kreise zogen.

Dann wurde es ganz langsam Zeit, den Rückweg zum Hostel anzutreten. Wir hatten noch keine Ahnung, wie wir von dort aus zur Busstation kommen sollten – geschweige denn, wo diese genau lag. Wie der Zufall es so wollte, fanden wir auf dem Rückweg eine Filiale des Unternehmens, bei dem wir unsere Tickets gebucht hatten. Nach einem kurzen Gespräch führte der Mitarbeiter ein Telefonat und all unsere Sorgen verpufften, denn er hatte uns einen kostenlosen Shuttlebus zur Busstation besorgt. Das verschaffte uns noch weitere 1 ½ Stunden Freizeit und so konnten wir in Ruhe unser letztes türkisches Geld in Reiseproviant verwandeln und unsere Mitbringsel in unsere Taschen verstauen, bevor wir uns gegen 18:30 Uhr gemütlich auf den Weg zurück zur Metro-Filiale machten, dort eine Sitzecke in Beschlag nahmen und auf den Shuttlebus warteten, der kurz nach 7 eintrudelte. Nach etwa einer Stunde Fahrt waren wir an der Busstation angekommen und nun hieß es erneut warten – und zwar bis 22 Uhr. Als es dann endlich soweit war, war jeder von uns froh, endlich wieder seine Sitzreihe für sich zu haben. Dann ging die Fahrt los.

Es überraschte nicht, dass wir alle in dieser Nacht wunderbar schlafen konnten. Der Zwischenstopp an der Grenze dauerte diesmal nicht ganz so lange, obwohl zwei Reisende ihre Gepäckstücke öffnen mussten, weil der Scanner irgendetwas gefunden hatte. Nachdem jeder seinen Ausreisestempel erhalten hatte, ging es auch schon wieder zurück in den Bus. Das nächste, das ich wahrnahm, war die Ankunft in Thessaloniki in den frühen Morgenstunden.

Als ich endlich im Bus stand, dachte ich erst, dass ich vielleicht noch nicht ganz wach wäre, weil der Automat mir plötzlich anzeigte, dass er, statt der üblichen 30 Cent, plötzlich 40 für mein Ticket haben wollte. Da wurden während unserer Abwesenheit doch tatsächlich die Preise erhöht ;-) Aber wer in Deutschland für eine Busfahrt 2 € und mehr zahlt, der regt sich auch über 40 Cent nicht auf…

Als ich endlich wieder zu Hause war, wurde mir klar, dass dieses Wohnheimzimmer inzwischen wirklich schon fast so etwas wie mein zu Hause ist – Ich fiel in mein Bett und war fast augenblicklich eingeschlafen.

Istanbul war eine unglaublich bereichernde Erfahrung für mich. Seit ich wieder zurück bin, habe ich ein vollkommen anderes Verhältnis zur Türkei, zum Islam und zu den Muslimen. Nicht, dass ich jemals eine negative Einstellung zu dieser Religion gehabt hätte, aber doch kam ich mit Vorurteilen, die auf kompletter Unwissenheit beruhten. Ich bin froh, diese Wissenslücke gefüllt zu haben. Es lohnt sich, sich einfach einmal auf etwas vollkommen Neues einzulassen. Und von allen Dingen, die ich in meinem Leben je getan und die ich je erlebt habe, gehört meine Reise in die einzige Stadt der Welt, die sich über zwei Kontinente erstreckt, zu den wichtigsten Erfahrungen, die ich jemals gemacht habe.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen