Sonntag, 31. Januar 2010

Back to the past...

Dieses Wochenende war einfach unglaublich. Okay, ich gebe zu, das ist vielleicht nicht unbedingt der beste Einstieg für einen Blogeintrag, aber anders kann ich es leider nicht ausdrücken... Ich lag am Samstagabend nach einem wahnsinnig anstrengenden aber interessanten Tag in meinem Bett und musste mir Notizen(!) für meinen Blogeintrag machen, weil alleine an diesem Tag die Eindrücke so überwältigend und vor allem vielzählig waren, dass ich Angst hatte, ich könnte irgendetwas vergessen. Und heute ging es mir nicht anders. Aber der Reihe nach...

Nachdem wir am Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe erfahren haben, dass nicht nur unsere Erasmus-Gruppe, sondern auch eine andere Sprachkursgruppe mit fortgeschrittenen Griechischkenntnissen an dem Ausflug teilnehmen würde, quetschten wir uns um 7:30 Uhr alle in einen Reisebus und fuhren gen Südosten in Richtung Metéora. Das Wetter war in Thessaloniki schon nicht berauschend, doch je näher wir unserem Zielort kamen, desto nebliger wurde es. Das war das einzig enttäuschende an unserem gesamten Ausflug, denn sowohl die imposante Erscheinung der Metéora-Klöster aus der Ferne als auch die Aussicht von den Klöstern über das Land blieb uns leider verwehrt... Deshalb kann ich euch leider kein Foto zeigen, obwohl ich es wirklich gerne getan hätte, denn diese Konstruktionen hoch oben auf den Felsformationen sind einfach nur überwältigend. (Ich entschuldige mich übrigens jetzt schon einmal dafür, dass ich die Adjektive überwältigend und unglaublich wahrscheinlich oft in diesem Eintrag verwenden werde - unglaublich oft ;-))
Doch da ich hier in Griechenland ja gelernt habe, dass man aus allem etwas Positives ziehen sollte, tue ich das auch hier. Die Metéora-Klöster werden auch als die schwebenden Klöster (meteorizo - in der Luft schwebend) bezeichnet und ich glaube, dass man diese Bezeichnung nur dann wirklich verstehen kann, wenn man die Klöster an einem Tag besucht wie wir ihn hatten. Als ich die Klöster zum ersten Mal sah, schien es wirklich so, als schwebten sie frei in der Luft. Man sah zunächst nichts, nur Nebel, und plötzlich waren sie einfach da. Und selbst für jemanden, der nicht an etwas wie Götter oder höhere Wesen glaubt, versprühte dieser Ort... irgendwas. Ich kann nicht in Worte fassen, ich kann nicht sagen, was es war, aber es wirkte auf mich so stark, dass ich bis zum Zeitpunkt der Abfahrt voller Ehrfurcht war. Das hört sich für manchen jetzt vielleicht geschwollen oder gar lächerlich an, aber es ist wirklich das Wort, mit dem ich am besten beschreiben kann, was ich die ganze Zeit über gefühlt habe. Vielleicht waren es einfach nur die imposanten Bauten in dieser unglaublichen Höhe, vielleicht waren es die orthodoxen Kirchen, vielleicht beides zusammen in Verbindung mit dem Wetter - aber vielleicht auch nicht... Jedenfalls konnte ich nach dem Besuch zweier der sechs noch bewohnten Klöster nachvollziehen, warum der Mönch Athanasios im 14. Jahrhundert die Metéora-Felsen nahe des Pindos-Gebirges als Standort seines Klosters Metamórphosis, dem ersten der 24 Metéora-Klöster, auserwählt hatte.

In beiden Klöstern, die wir besichtigt haben, mussten die Frauen sich im Eingangsbereich einen Rock überziehen, da hosentragende Frauen dort nicht gern gesehen werden (das gilt selbstverständlich ebenso für Röcke, die kürzer sind als knielang, und schulterfreie Oberteile - aber mit solchen Kleidungsstücken war bei den Temperaturen ja ohnehin nicht zu rechnen). Mit ironischen vor sich hingemurmelten Kommentaren wie "Na, jetzt fühle ich mich endlich wie eine richtige Frau" folgten wir unserem Guide in die Innenhöfe. Nach kurzer Fotosession (die Rechte am Foto links besitzt Adrian ;-)) und allgemeinen Informationen über das jeweilige Kloster, mit denen unser Guide sich ruhig etwas kürzer hätte fassen dürfen, betraten wir die orthodoxe Kirche. Das Fotografieren war hier nicht gestattet, doch selbst wenn es erlaubt gewesen wäre, hätte ich keine Fotos geschossen. Warum? Ich glaube, jetzt wird es für einen kurzen Moment ein bisschen philosophisch.
Erstens fühle ich mich generell unwohl, wenn ich Fotos von Gotteshäusern schieße. Rational betrachtet müsste es mir vollkommen gleichgültig sein, da ich nicht gläubig bin. Aber ich möchte den Glauben anderer Menschen nicht wie etwas behandeln, das man einfach so auf einem Foto festhalten kann.
Zweitens glaube ich, und ich merke gerade, dass das irgendwie mit dem ersten Grund zusammenhängt, dass diese Fotos eine einzige Enttäuschung gewesen wären. Nein, eigentlich weiß ich das sogar. Diese Fotos hätten nie das zeigen können, was ich gesehen habe. Man kann das, was in diesen Gebäuden steckt, einfach nicht ablichten. Die wunderschönen Holzaltäre, die Ikonenbildnisse, die bemalten Balken und Säulen, die goldenen Leuchter und Weihrauchhalter - alles das ist zwar an sich materiell, aber es steckt so viel mehr darin.
Ach, ich rede mich um Kopf und Kragen. Ich glaube, ich kann es doch nicht wirklich erklären... Fakt ist - ich konnte und wollte keine Fotos machen. Man würde erst verstehen, was ich meine, wenn man sich selbst diese Kirchen angeschaut hat. Oder auch nicht und ich bin einfach nur komisch... ;-)

Nach einer kurzen Pause, die wir zum Mittagessen nutzen konnten, ging es noch einmal für knapp 1 1/2 Stunden zurück in den Bus und wir setzten unsere Reise in das kleine Städtchen Metsovo fort. Metsovo liegt in ca. 900 - 1.000 Metern Höhe und ist im Winter ein beliebter Skiort - ja, wirklich, so etwas gibt es auch in Griechenland :-)
Metsovo ist wirklich traumhaft schön. Ich war nicht die einzige, die sich an ein kleines deutsches oder österreichisches Alpenstädtchen erinnert fühlte. Aber wer genau hinschaute, der erkannte schnell, das wir uns definitiv in Griechenland befanden - vor allem wegen der Dächer aus (oft schwarzem) Stein (Foto).
Eines der Highlights war zweifelsohne das "Hotel", in dem wir untergebracht waren. Hinter vorgehaltener Hand verriet uns unsere Reiseführerin, dass das Gebäude eigentlich ein Konferenzzentrum sei und normalerweise keine Gruppen wie unsere dort untergebracht werden. Niemand von uns konnte sich so recht erklären, warum ausgerechnet wir nun die große Ausnahme sein sollten, aber anstatt diese Gegebenheit groß zu hinterfragen, nahmen wir sie hin und erfreuten uns einen Abend, eine Nacht und einen Vormittag lang an jedem erdenklichen Luxus. Angefangen bei den wundervollen Zimmern mit gemütlichen Betten, warmen Decken, einem Balkon mit überwältigender Sicht auf die schneebedeckten Berge (Foto), einer "kleinen Aufmerksamkeit seitens des Hauses" in Form von einer Flasche Wasser und einem Fläschchen Zippero und dem Luxusbadezimmer mit Badewanne (wer errät, was ich an diesem Abend getan habe!? ;-)), gefolgt von dem unbeschreiblichen 5-Gänge-Menü zum Abendessen (griechische Griessuppe mit dem ortseigenen Feta, Blätterteigtasche mit Käsefüllung, Pasta mit Fleischröllchen und Salat, Käseplatte mit zwei weiteren griechischen Käsesorten und einem ursprünglisch türkischen Dessert namens Μπακλαβάς - sehr süßes Blätterteiggebäck mit Haselnussstückchen und jeder Menge Honig). Ich konnte von allem nur ein bisschen probieren und trotzdem fühlte ich mich hinterher, als würde ich im nächsten Moment explodieren. Ich glaube, mir war noch nie so schlecht. Das Essen war fabelhaft und der Service wie in einem 5-Sterne-Restaurant. Außerdem hatte ich noch nie so viel verdammtes Besteck neben meinem Teller liegen - ich war für einen Moment vollkommen überfordert ;-)
Im Anschluss daran war eigentlich eine kleine Zimmerparty geplant; wir waren extra noch im Supermarkt und haben Bier und Sambuca gekauft. Aber nach dem Essen waren meine Zimmergenossin und ich so müde, dass wir schlafen gegangen sind. Nun steht der Sambuca neben mir auf dem Tisch und wird eben nächste Woche zur Einweihung unserer Wohnung geleert :-)

Als ich am Sonntagmorgen aufgestanden bin und den Vorhang vor der Balkontür beiseite geschoben habe, dachte ich, mich trifft der Schlag. Schnee. Nicht nur ein paar Fleckchen auf den Dächern wie am Vortag, sondern wirklich viel Schnee. 20 cm? Vielleicht mehr. Und es schneite und schneite und schneite den ganzen Tag. Dazu kam der Nebel, sodass wir die Berge, die ich eigentlich noch einmal fotografieren wollte, gar nicht mehr erkannt haben. Auch die Bewohner Metsovos schienen mit dem plötzlichen Wetterwechsel vollkommen überfordert zu sein. Kein Räumungsfahrzeug weit und breit, die Autofahrer zogen ihren Autoreifen Schneeketten über und wir..? Wir bauten kurzerhand einen Schneemann :-) Der ältere Herr auf dem Foto war klasse. Er kam, posierte und verschwand wieder. In dem Alter noch auf einem Bein stehen und den Stock in die Luft schwingen, das will ich mit 80 auch noch können!
Doch unsere Reiseleiterin zeigte sich vom Wetter äußerst unbeeindruckt und scheuchte uns in die nächste Galerie mit Gemälden aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die, zugegebenermaßen, wirklich schön waren - vor allem die Ölgemälde der Segelschiffe und Kriegsflotten (Foto). Danach ging es noch in eine Kirche. Eigentlich stand noch ein weiteres Museum auf dem Programm, doch unser Guide teilte uns mit, dass es zu gefährlich sei, die Straßen wieder hinaufzugehen, und so gab man uns eine Stunde, um Mittag zu essen, bevor es vorzeitig wieder zurück nach Thessaloniki gehen sollte.
Wir fanden ein hübsches kleines Restaurant und bestellten mehrere griechische Salate, Ofenkäse und Brot mit Tzatziki und kamen, traditionell giechisch gestärkt, natürlich zehn Minuten zu spät zum Treffpunkt. Aber wir dachten, da die Griechen es mit der Pünktlichkeit ja auch nicht so genau nehmen, können wir uns auch die Zeit nehmen, in Ruhe aufzuessen ;-)

Der Rückweg verlief zunächst ohne größere Vorkommnisse, abgesehen davon, dass unser Busfahrer mitten auf der Straße anhielt, um den Reifendruck zu verändern... Irgendwann nickte ich ein und als unsere Reiseleiterin mich mit ihrer Durchsage, dass wir nun eine halbe Stunde Pause machen würde, aufweckte und ich aus dem Fenster sah, musste ich anfangen zu lachen. Der Himmel war strahlend blau, es lag nicht ein bisschen Schnee und wir waren gerade mal 1 1/2 Stunden gefahren, wovon allein ca. eine Stunde dafür draufgegangen war, wieder in einem Stück von diesem Berg herunterzukommen. Es ist echt verrückt, wie schnell sich das Wetter verändert hatte.
Eine halbe Stunde von Thessaloniki entfernt begann der Verkehr dann plötzlich zu stocken und nach einer Viertelstunde stop and go ging es schließlich keinen Meter mehr vorwärts. Ewig und drei Tage wusste niemand, was los war, bis wir die Information erhielten, dass sich die Landwirte entschlossen hatten zu streiken und die Straße mit ihren Traktoren blockieren. Landwirte. Traktoren. Straße blockieren. Sonntag. Ich dachte, ich höre nicht richtig. In Deutschland würde es so etwas ja nicht geben. Ja, in Deutschland. Aber dort war ich nunmal gerade nicht, also hieß es: warten. Nach einer gefühlten Ewigkeit in diesem stickigen Bus ging es dann wieder weiter, bis eine weitere Durchsage kam: "Polizeikontrolle, bitte alle hinsetzen." Im Schneckentempo ging es weiter, irgendwann sahen wir die dutzenden Traktoren an den Straßenrändern stehen, passierten die Polizeikontrolle unbeschadet, hielten kurz an der Mautstation und kamen gegen 19 Uhr endlich wieder in Thessaloniki an.

Trotz des Wetters war es ein total schöner Ausflug. Und was das Ganze noch schöner macht: es ist so wunderbar international. Wenn italienische Mädchen die Pasta im 5-Gänge-Menü nicht anrühren, russische Männer im Bus anfangen Folklore-Lieder zu singen, die Ikonen in den Kirchen küssen und sich danach bekreuzigen, mir ein Jordanier stolz erzählt, dass er "Halt Schnauze" sagen kann, dann weiß ich, dass ich hier richtig bin. Es ist einfach total interessant, die Gepflogenheiten und Bräuche anderer Kulturen kennenzulernen und zu erfahren, wie andere auf die deutsche Kultur reagieren - in welcher Form auch immer :-)
Und manchmal wird man auch wieder daran erinnert, was das Land, aus dem ich komme, für eine geschichtliche Vergangenheit hat. Wenn man erfährt, dass die deutschen Soldaten während des zweiten Weltkrieges zahlreiche Kulturgüter zerstört haben (ganz abgesehen von den unzähligen Menschenleben), dann wandert der Blick automatisch auf den Boden und man fängt an, sich ein klein wenig zu schämen. Doch was passiert ist, ist passiert und was zählt, ist nur, dass so etwas nie wieder geschieht. Und Austauschprogramme wie Erasmus leisten eine großen Beitrag dazu, dass wir uns, wie ich von Kwame A. Appiah gelernt habe, aneinander gewöhnen und es irgendwann keine große Rolle mehr spielt, welche Werte man vertritt, solange man sich nur respektiert und versucht, einander zu verstehen.

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